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Arbeit mit gehörlosen Drogengebrauchenden
Gäbe es nicht den Drogenkonsumraum – wahrscheinlich hätten wir niemals einen so intensiven Kontakt erreichen können ... die Rede ist von der neuesten Herausforderung, der sich das Mitarbeiterteam von INDRO e.V. stellt: als Anlauf- und Beratungsstelle für inzwischen vier drogenkonsumierende, gehörlose Menschen zu fungieren.
Das im Vergleich zu klassischen Angeboten der (Drogen-)Sozialarbeit - zumindest in der ersten `Schnupperphase´ - eher kommunikationsarme Unterstützungsangebot des Drogenkonsumraumes erwies sich offensichtlich als die `niedrige Schwelle´, die es benötigte, um eine auf hörende Besucher zugeschnittene Hilfeeinrichtung wie das INDRO auch für gehörlose Gebraucher illegalisierter Drogen attraktiv zu machen. Doch wie die nächste Schwelle - über konkrete medizinische und Safer-use-Angebote hinaus – einer adäquaten Verständigung zwischen hörenden Mitarbeitenden und gehörlosen Besuchern überwinden? Mangelnde Erfahrung in der Arbeit mit Gehörlosen sowie fehlende Kenntnisse in Gebärdensprache erwiesen sich gerade auch für das Team der Professionellen zunächst als eine Hemm-Schwelle, die es zu überwinden galt. Eine Fachtagung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) zur Sozialarbeit mit Gehörlosen erwies sich als hervorragender `Türöffner´ sowohl für einen fachlich-inhaltlichen Einstieg in die – teilweise recht eigenwillige – Welt der Gehörlosigkeit als auch für vielfältige erste Kontakte und Kooperationsansätze mit den vorhandenen Hilfestrukturen für Gehörlose in Westfalen.
Westfalen ist ein Zentrum der bundesdeutschen Gehörlosenkultur – und der Arbeit mit gehörlosen Drogengebrauchern. Dies macht sich für unsere Arbeit sehr bezahlt; unbürokratische, fachlich kompetente Unterstützung durch in der Arbeit mit Gehörlosen erfahrene Einrichtungen war so das eine ums andere mal möglich. Manches von dem, was wir insbesondere an persönlichem Kontakt aufbauen konnten, wäre ohne den freundlichen und engagierten Einsatz unserer Kooperationspartnerinnen und -partner so nicht bzw. überhaupt nicht möglich gewesen. An dieser Stelle unseren verbindlichsten Dank dafür !!
Im Folgenden seien nur die wichtigsten bisherigen Projekte und Kooperationsansätze mit Einrichtungen der Gehörlosenhilfe genannt:
Inzwischen können wir auf ein Jahr Erfahrung in der Arbeit mit gehörlosen Drogengebrauchenden zurückblicken. Die vier, die bislang den Weg zu uns gefunden haben, halten regelmäßigen Kontakt zu unserer Einrichtung - sie nutzen vor allem den Konsumraum und das Café, nehmen aber auch das Beratungsangebot in Anspruch und konnten z.T. in Entgiftungsmaßnahmen vermittelt werden. Auch in die `Szene´ sind die gehörlosen Gebraucher weitestgehend integriert, werden aber aufgrund ihres Handicaps gelegentlich Opfer von Betrug und unfairen Geschäften.
Als Konsumenten illegalisierter Drogen unterliegen unsere gehörlosen Besucher allgemein einem deutlich erhöhten medizinischen Notfallrisiko, das durch ihr Hörunvermögen und mangelhafte Sprachkenntnisse nochmals gesteigert wird. Aus diesem Grund erhält jeder gehörlose Drogengebraucher von uns einen `Notfallpass´, der auf seine spezifische Behinderung hinweist und wichtige Informationen, Namen, Adressen, Telefonnummern für den Notfall enthält. Für den speziellen Fall eines Notfalls in unserem Drogenkonsumraum, der eine medizinische Weiterbehandlung in einem Krankenhaus erforderlich macht, haben wir einen `Arztbrief´ erstellt, der die weiterbehandelnde Ärztin bzw. den Arzt mit allen wesentlichen Informationen über die Möglichkeiten und die Vorteile bzgl. der Hinzuziehung eines Gebärdensprachdolmetschenden versorgt. Teilweise ist es uns auch selbst möglich, einen Gebärdensprachendolmetschenden zu kontaktieren, der in wenigen Minuten am jeweiligen Krankenhaus sein kann. Ziel ist, auch dem gehörlosen Drogengebrauchenden möglichst bald nach seiner lebensbedrohlichen Erfahrung die Möglichkeit zum angemessenen Gespräch und zur Aufarbeitung seiner Krise zu geben, ihn nicht mit einer eventuell Schock auslösenden Situation alleine zu lassen. Auch zur Abstimmung weiterer Behandlungsmaßnahmen zwischen Arzt und Patient ist die Möglichkeit zur differenzierten Verständigung über Dolmetschende oft unentbehrlich.
Fazit: Ein Anfang in der Arbeit mit dieser neuen Gruppe von Besuchern ist gemacht, aber ein weiterer Ausbau unbedingt nötig. Was sich hier unter dem zunehmenden Druck durch Kürzungen öffentlicher Gelder überhaupt erreichen lässt, wird sich noch erweisen müssen.
INDRO e.V. (Seite zuletzt aktualisiert am 26.07.2004) |