Artur Schroers & Wolfgang Schneider:
Präventive und protektive Maßnahmen beim Ecstasygebrauch von Jugendlichen und jungen Erwachsenen (ProtXTC) - Drogengebrauch und Prävention im Party-Setting
Eine sozial-ökologisch orientierte Evaluationsstudie im Auftrag der Landesarbeitsgemeinschaft Suchtvorbeugung (LAG) NRW
Forschungsbericht Kurzfassung der Ergebnisse
Hrsg.: INDRO e.V. / GINKO e.V.
(Abschlußbericht in der INDRO-Buchreihe veröffentlicht)
1. Ausgangssituation
Spätestens seit Beginn der 90er Jahre und mit steigender Tendenz zur Mitte dieses Jahrzehnts wächst insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Popularität von "Ecstasy" und verwandter Substanzen. Laut verschiedener wissenschaftlicher Untersuchungen rechnet sich die Mehrzahl der Ecstasykonsumenten der Techno- und Raveszene als "prägendste Jugendkultur der 90er Jahre" zu. Ecstasy wird dabei häufig im Kontext von Techno-Parties und -Events konsumiert. Weitere Partydrogen sind Amphetamin, LSD, aber auch Kokain, Cannabis und andere (häufig illegalisierte) Substanzen mehr. Sie werden zumeist am Wochenende in Techno- und House-Clubs oder auf Raves eingenommen. Auf der einen Seite berichten Konsumenten von positiven Erfahrungen mit Substanzen, wie bspw. Ecstasy. Neben den positiv erlebten Wirkungen bestehen jedoch auf der anderen Seite auch eine Reihe von Risiken und Gefahren im Umgang mit Ecstasy und weiteren Partydrogen: auf physiologischer, neurologischer und psycho-sozialer Ebene. Die Risiken und Gefahren im Umgang mit verschiedenen Drogen sind nicht allein substanzgebunden, sondern in hohem Maße auch durch die Einstellung, die emotionale Verfassung und das Wissen um den Gebrauch der Drogen bestimmt (dem Set). Ferner stellt der sozial-räumliche Kontext des Konsums (hier: das Party-Setting) eine entscheidende Einflussgröße dar.
2. Forschungsfragestellung
Ein wesentliches Ziel eines Evaluationsprojektes im Auftrag der Landesarbeitsgemeinschaft Suchtvorbeugung (LAG ) bestand darin, die von der LAG NRW in Kooperation mit Präventionsexperten entwickelten Party-Drogen-Infocards im Techno- und Ravebereich auf ihre Zielgruppennähe, Adäquanz und Akzeptanz zu testen. Diese Party-Drogen-Infocards enthalten Substanz - und Risikoinformationen zu Trips/Acid (LSD), Speed (Amphetamin), Ecstasy (MDMA) und zum Mischkonsum (Wechselwirkung verschiedener Substanzen). Weiterhin geben sie Handlungsanweisungen zum "Helfen im Notfall" und vermitteln Tipps für ein "gutes" Partyerleben.
Exemplarisch wurden diese Infocards als Präventionsmedien in zwei Städten NRWs (Münster/Essen) mit Unterstützung von Szenemitgliedern (Szeneexperten wie bspw. Eve & Rave Münster) auf ihre Akzeptanz und Adäquanz evaluiert. Neben diesem Aspekt der Untersuchung, die von mir und weiteren INDRO-Mitarbeitern durchgeführt wurde, gingen wir auch Fragestellungen nach, die sich vordringlich auf die Bedingungen und Auswirkungen des Drogengebrauchs im Kontext von Techno- und Raveveranstaltungen bezogen. Hierbei stand die exemplarische und explorative Erfassung von Drogengebrauchsmerkmalen (neben sozio-biographischer Standarddaten) im Fokus der Erhebung. Dies waren z.B. Drogengebrauchsmotive, Gebrauchsmuster/praktiken, - frequenz und Intensität, Drogengebrauchsregeln und orte, Mischkonsum, Drogenbeschaffung und -finanzierung, Strategien der Kriminalisierungsvermeidung, Begründung für eine Konsumaufgabe sowie der Informationsgrad über Drogen (Ecstasy u.a.).
Ferner wurde das Partysetting in seiner sozialen Ökologie untersucht. Dies geschah mit Anwendung des Behavior-Setting-Konzepts. Techno- und Raveveranstaltungen können nach Barker (1968) und Wicker (1981) als "Behavior Settings" begriffen werden. Ein Behavior Setting ist durch ein bestimmtes räumlich-materielles Milieu und durch bestimmte ausgrenzbare Zeiträume charakerisiert. Es ist weiterhin durch spezifische, charakteristische und zum Teil gleichbleibende molare Verhaltensmuster determiniert, die von den Teilnehmern gleichsam "programmbezogen" erfüllt werden. Unsere Absicht war es nun, - illustrativ - das Behavior-Setting-Programm von Techno- und Raveveranstaltungen mit Hilfe teilnehmender Beobachtung nach bestimmten Merkmalsbereichen zu beschreiben, um somit neben personenbezogenen Daten auch Elemente des jeweiligen Settings exemplarisch darzustellen. Es ging darum, die Rahmenbedingungen der Gestaltung, Darstellungsmuster, Arrangements und Inszenierungen des Lifestyle-Programms der Techno- und Raverszene "hautnah" zu verdeutlichen.
Zielgruppen der Forschung waren auf der Konsumentenebene, der Veranstalterebene, der Ebene der Ecstasydistribution (Drogenverteiler, Mittler, Dealer) und auf der Expertenebene angesiedelt. Die Forschungsmethodik musste auf das Untersuchungsfeld abgestimmt werden. Die Untersuchungs- und Analyseverfahren waren somit auf den Konsumkontext Partysetting ausgerichtet, mithin sozial-ökologisch orientiert. Methodisch wurde im Rahmen der Untersuchung auf qualitative und quantitative Forschungsmethoden zurückgegriffen. Damit wurde es möglich, neben lebensweltlichen Strukturierungsmechanismen, der subjektiven Bewertung neuer Praxismedien auch biographische und drogale Standarddaten zu erfassen. Dass dieser "anspruchsvolle" Forschungszugang nur approximativ umzusetzen war, liegt aufgrund der finanziellen und zeitlichen Begrenzung des Projektes auf der Hand (Bewilligungszeitraum: April - Dezember 1997). Trotzdem ist es uns mit einem hohen zeitintensiven und personellen Aufwand gelungen, einen lebensweltlichen Forschungszugang zu realisieren.
Forschungsinstrumente waren demgemäß:
3. Ergebnisse
Die Ergebnisse im einzelnen:
Die Gesamtstichprobe der Fragebogenerhebung betrug 385 Teilnehmer.
4. Diskussion der Ergebnisse
Im Techno- und Partykontext spielt der Konsum illegalisierter Substanzen eine zentrale Rolle. Der Drogengebrauch kennzeichnet sich dort durch seine Verquickung mit den kulturellen Arrangements der Veranstaltungen. Innerhalb des Settingprogramms von Technoveranstaltungen haben sich bei den Anwendern im Umgang mit Drogen Regeln und Praktiken entwickelt, die im Rahmen einer spezifischen Drogengebrauchskultur einer Optimierung des Genusses und der Vermeidung unerwünschter Wirkungen förderlich sein sollen. Der Gebrauch ist idealtypisch in die Verlaufsdynamik einer Party eingewoben. Durch die Inklusion einzelner Drogen-Anwender in das sozial-räumliche Umfeld einer Party erlernen sie Gebrauchs-Praktiken und Handlungswissen für den Umgang mit Drogen. Die Sozialstruktur innerhalb der Techno-Szene ist durch eine Erlebnisweise geprägt, der ein moderner und individualisierter Lebensstil zugrundeliegt. Den Partizipierenden stellt dieser lifestyle ein hohes Maß an Freiraum zur Entfaltung ihrer Person bereit und verspricht die Teilhabe an spezifischen Konsumformen.
Allerdings ist das Setting in seinen Regulationsmechanismen ebenso durch die Kommerzialisierung jugendkultureller (Er-)Lebenswelten sowie Professionalisierungstendenzen der Veranstalter, als auch durch die Auswirkung der Prohibition als Kriminalisierung von Drogenanwendern und Schaffung von Schwarzmarktbedingungen bestimmt. Nicht allein der Umgang mit Rauschmitteln bereitet Partybesuchern Probleme. Ein Leben in zwei Welten (eine in-between-Situation), d.h. die Einfügung in konventionelle Lebenskontexte bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung drogenbezogener Lebensstile erfordert eine spezifische Integrationsleistung als wechselseitiges Aushandeln von unterschiedlichen Lebenswelten und dazugehöriger Erwartungsbündel (Rollen).
5. Schlussfolgerungen für eine Partydrogenarbeit
Aufklärungsmaßnahmen, mit dem Ziel, Konsumenten im Kontext von Techno-Events mittels Informationsmedien über Risiken des Partydrogenkonsums zu informieren stellt einen sinnvollen Ansatz der Drogenarbeit im Ravekontext dar. Die Wirksamkeit der vermittelten Safer-Use Informationen ist besonders hoch, wenn die Informations- und Beratungsarbeit in ein Gesamtkonzept für sichere Technoparties (Safer Rave) eingebunden ist. Die Akzeptanz solcher Präventionsbotschaften wird erhöht, wenn diese von Mitgliedern in selbstorganisierten Szene-Initiativen (bspw. Eve & Rave) vermittelt werden. Safer-Use-Botschaften die an Konsumenten gerichtet sind, sollten gleichermaßen Informationen zu einem risikomindernden Umgang mit Drogen und Hinweise zur Genussoptimierung einbeziehen beide Aspekte sind zwei Seiten einer Medaille. Partydrogenarbeit nach dem Harmreduction-Modell ist eine Drogenhilfekonstruktion, die häufig auf einem Risikovermeidungsmodell basiert. Für die Mehrzahl der Konsumenten steht jedoch der Genussaspekt im Vordergrund des Partyerlebens. Erst wenn Informationskampagnen an diese Motivlage anknüpfen und ausgewogen beide Seiten des Drogengebrauchs Genuss und Risiko anerkennen, erlangen Präventionsbotschaften etwa die Orientierung, Maß zu halten eine höhere Reichweite. Mit diesem Vorgehen können auch an KONSUMENTEN zielgruppenspezifische Informationen vermittelt werden.
Informationskampagnen sind allerdings nur als ein Bestandteil eines Konzeptes für sichere Techno-Events (Safer Rave) zu betrachten. Es geht auch darum, Ruhezonen (Chill-out-Bereiche) auf Raves einzurichten, preiswerte nicht-alkoholische Getränke anzubieten, das Personal im Umgang mit möglichen Drogenproblematiken zu schulen u.a.m.. Wir setzen hier zunächst auf eine Selbstverpflichtung von Event-Veranstaltern. Die gilt es, von Zeit zu Zeit wieder in das Bewusstsein zu rufen.
Über die allgemeine Aufklärung (z.B. über Infocards) hinaus, erachten wir es als notwendig, sachgerechte Verbraucher-Informationen an Konsumenten zu vermitteln. Drugchecking "vor Ort" als Maßnahme der qualitativen und quantitativen Kontrolle von Substanzen wäre direkter Konsumentenschutz und würde im Rahmen von Monitoring sowohl der Früherkennung auftretender Gefährdungen als auch der Trendforschung bezüglich aktueller Drogengebrauchsentwicklungen förderlich sein. Empfehlungen für die Prävention gehen dahin, eine Stelle für die Koordination und Information im Bereich Partydrogen (KIP) für das Bundesland Nordrhein-Westfalen zu implementieren. Zielsetzungen einer KIP sind:
Ein entsprechender Antrag für die Einrichtung einer KIP mit INDRO e.V. als Träger ist bei der Landesregierung gestellt.
6. Literatur
Barker, R.G.: Ecological Psychology. Stanfort. Stanfort University Press 1968.
Schroers, A. & Schneider, W.: Drogengebrauch und Prävention im Party-Setting. Eine sozial-ökologisch orientierte Evaluationsstudie. INDRO e.V. / GINKO e.V.. Studien zur qualitativen Drogenforschung und akzeptierenden Drogenarbeit. Bd. 20. Verlag Wissenschaft und Bildung. Berlin 1998.
Wicker, A.W.: Nature and assessment of behavior settings. In: Mc Reynolds, P. (Ed.): Advances in psychological assessment. Vol. 5. San Francisco 1981.
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(Seite zuletzt überarbeitet am 21.05.1999)